R I W E R – Blog eines Seniors

22. Juni 2008

Die letzte Frage

Neuinszenierung des Urknalls

Kurzform einer Geschichte von Isaac Asimov

In der Erzählung DIE LETZTE FRAGE stellt Asimov die alte Frage, ob das Universum unausweichlich sterben muss, und was bei diesem Weltuntergang mit allen intelligenten Lebewesen geschieht. Allerdings vermutet Asimov, das Universum werde in Eis und nicht im Feuer sterben, nachdem die Sterne ihren Wasserstoff verbrannt haben und die Temperaturen fast auf den absoluten Nullpunkt gefallen sind.

Die Geschichte beginnt im Jahre 2061, als ein Riesencomputer die Energieprobleme der Erde gelöst hat, indem er einen massiven Solarsatelliten entworfen hat, der die Sonnenenergie zur Erde zurückstrahlt. Der AC (Analogcomputer) ist so groß und kompliziert, dass selbst die für ihn zuständigen Techniker nur eine ungefähre Vorstellung von seiner Arbeitsweise haben. Aufgrund einer Fünfdollarwette fragen zwei betrunkene Techniker den Computer, ob sich der Tod der Sonne vermeiden lasse oder ob das Universum auf jeden Fall sterben müsse. Nachdem der AC stumm über die Frage nachgedacht hat, erwidert er:
KEINE AUSREICHENDE DATEN FÜR EINE SINNVOLLE ANTWORT.

Jahrhunderte später hat der AC das Problem der Hyperraumreise gelöst, und die Menschen beginnen, Tausende von Sternensystemen zu kolonisieren. Der AC ist so groß, dass er mehrere hundert Quadratkilometer auf jedem Planeten einnimmt, und so komplex, dass er sich selbst pflegt und wartet. Eine junge Familie fliegt auf der Suche nach einem neuen Sternensystem durch den Hyperraum, unfehlbar geleitet vom AC. Als der Vater beiläufig erwähnt, auch die Sterne müssten irgendwann sterben, werden die Kinder hysterisch. »Lass die Sterne nicht sterben«, bitten sie. Um sie zu beruhigen, fragt der Vater den AC, ob sich die Entropie umkehren lasse. »Seht ihr«, sagt der Vater, während er die Antwort des AC liest, »der AC kann jedes Problem lösen.« Tröstend sagt er: »Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich um alles kümmern, also macht Euch keine Sorgen.« Dabei verschweigt er aber, dass der AC in Wirklichkeit ausgedruckt hat:
KEINE AUSREICHENDEN DATEN FÜR EINE SINNVOLLE ANTWORT.

Jahrtausende später ist die ganze Milchstraße kolonisiert. Der AC hat das Problem der Unsterblichkeit gelöst und die Energie der Milchstraße erschlossen, aber er muss neue Galaxien zur Kolonisierung finden. Der AC ist so komplex, dass schon lange niemand mehr versteht, wie er funktioniert. Ständig verbessert er seine Schaltkreise selbst und entwirft neue. Zwei Mitglieder des galaktischen Rates, beide mehrere hundert Jahre alt, erörtern die dringende Frage, wie sich neue galaktische Energiequellen finden lassen, und überlegen, ob wohl das Universum selbst seinem Ende entgegen geht. Lässt sich die Entropie umkehren? fragen sie. Die Antwort des AC:
KEINE AUSREICHENDEN DATEN FÜR EINE SINNVOLLE ANTWORT.

Millionen Jahre später, die Menschheit hat sich über unzählige Galaxien des Universums ausgebreitet. Der AC hat das Problem gelöst, wie man den Geist vom Körper trennen kann, und das Bewusstsein der Menschen kann ungehindert durch die weiten Räume von Millionen Galaxien streifen, während ihre Körper sicher auf einem längst vergessenen Planeten untergebracht sind. Zwei Geister treffen sich im All und fragen sich im Laufe ihres Gesprächs, in welcher der unzähligen Galaxien die Menschen entstanden sind. Der AC, der inzwischen so angewachsen ist, dass er größtenteils im Hyperraum untergebracht werden musste, beantwortet ihre Frage, indem er sie augenblicklich in eine obskure Galaxie befördert. Sie sind enttäuscht. Die Galaxie ist so gewöhnlich wie Millionen anderer Galaxien, und der ursprüngliche Stern ist längst tot. Die beiden menschlichen Geister bekommen es mit der Angst zu tun, weil sich für Milliarden Sterne im Kosmos nach und nach das gleiche Schicksal abzeichnet. Die beiden Geister fragen, ob sich der Tod des Universums selbst vermeiden läßt, woraufhin der AC erwidert:
KEINE AUSREICHENDEN DATEN FÜR EINE SINNVOLLE ANTWORT.

Jahrmilliarden später, die Menschheit besteht aus Billionen und Aberbillionen unsterblicher Körper, um die sich Automaten kümmern. Das kollektive Bewusstsein der Menschheit, das frei durch das Universum schweifen kann, verschmilzt zu einem einzigen Geist, der seinerseits mit dem AC verschmilzt. Es hat keinen Sinn mehr, den AC zu fragen, aus was er besteht oder wo im Hyperraum er sich wirklich befindet. »Das Universum stirbt«, denkt der Mensch kollektiv. Ein Stern nach dem anderen, eine Galaxie nach der anderen stellen die Energieerzeugung ein, und die Temperaturen im Universum nähern sich dem absoluten Nullpunkt. Verzweifelt fragt sich der Mensch, ob die Kälte und Dunkelheit, die die Galaxien langsam verschlingen, den unausweichlichen Tod bedeuten. Aus dem Hyperraum antwortet der AC:
KEINE AUSREICHENDEN DATEN FÜR EINE SINNVOLLE ANTWORT.

Als der Mensch den AC auffordert, die erforderlichen Daten zu sammeln, erwidert dieser: DAS WERDE ICH TUN. ICH TUE ES SCHON SEIT HUNDERT MILLIARDEN JAHREN. MEINEN VORGÄNGERN IST DIE FRAGE SCHON OFT GESTELLT WORDEN. ALLE DATEN, DIE ICH HABE, REICHEN NOCH IMMER NICHT AUS.
Ein unermesslicher Zeitraum verstreicht, das Universum ist endgültig tot. Im Hyperraum sammelt der AC seit Ewigkeiten Daten und denkt über die letzte Frage nach. Schließlich entdeckt er die Lösung, obwohl es niemanden mehr gibt, dem er die Antwort nennen könnte. Sorgfältig entwickelt der AC ein Programm und beginnt dann mit der Umkehrung des Chaos. Er sammelt kaltes, interstellares Gas, bringt tote Sterne zusammen und schafft so eine gigantische Kugel.
Als diese Arbeit getan ist, ruft der AC mit donnernder Stimme aus dem Hyperraum:

ES WERDE LICHT!

Und es ward Licht…

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