R I W E R – Blog eines Seniors

20. Juni 2008

Letzte Ernte

Filed under: Psychologie — riwer @ 22:41
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Im Zusammenhang zu meinem Blog „Tot !“ ist mir ein Gedicht in den Kopf gekommen, das ich in meiner Kindheit in der Schule lernen musste. Es hat mich damals schon sehr angesprochen und im Laufe meines Lebens ist es mir immer wieder in den Sinn gekommen und hat mich immer sehr nachdenklich gestimmt. Ich möchte es Euch nicht vorenthalten und hoffe, dass es Euch genauso gut wie mir gefällt.

Letzte Ernte“ von Lulu von Strauß & Torney

Ich brachte in 70 Jahren viele Ernten ein,
dies soll mein letztes Fuder wohl gewesen sein,
die Gäule scheuten am Tore, sie jagten mit Gewalt,
ich schrie und riss an der Leine, aber mein Arm ist alt.

Vor ihren polternden Hufen der Staub flog auf wie Rauch,
die Garben schleiften die Steine, mein alter Rücken auch,
Mutter, was hilft das Weinen, es ist nun wie es ist,
70 Jahre und drüber, war doch ne schöne Frist.

Das sie den Schmied nur holen, ein Eisen fehlt dem Roß
und hinterm Hof am Tore, da ist ein Pfosten los,
und dass ichs nicht vergesse, da wo die Pappeln stehn,
im letzten Schlag am Berge, da solln sie Roggen säen.

Kommt jeder an die Reihe, König, Bauer und Knecht,
ists unsres Herrgotts Wille, so ist es mir auch recht.
Was stehst du vor dem Bette und beugst dich über mich,
meinst du, ich seh die Totenlichter nicht?

Vier Lichter vor der Lade, wies sich zu recht gehört,
vier Pferde vor den Wagen, der mich von Hofe fährt.
Der weißen Klageweiber zween vor meiner Truh,
mit weißen linernen Laken vom Kopf bis an die Schuh.

Mutter, kommen die Kühe schon vom Kamp herein?
Die Schwarze brüllt am Tore, da muß es Melkzeit sein.
Ich hör die Knechte singen vor der Dielentür –
morgen am Feierabend, da bin ich nicht mehr hier.

Viel Hände braucht die Ernte, der Herrgott hats gewußt,
gottlob, dass ich nicht früher hab gemußt,
und wenn ich heute Feierabend machen soll,
gemäht sind die letzten Ähren und alle Scheuern voll.

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8 Kommentare »

  1. Vielen Dank für das Gedicht, meine Mutter(85)sucht schon seit langem danach.
    Sie wird sich sehr freuen,dass ich es hier für sie gefunden habe. Sie ist auch auf dem Bauernhof großgeworden und erinnert sich je älter sie wird gerne an diese Zeit zurück. Außerdem ist sie literaturbegeistert.
    Herzliche Grüße, A.Reimann-Ng

    Kommentar von Andrea Reimann-Ng — 29. September 2008 @ 11:25

  2. Schönes Gedicht. Bin auch auf einem Bauernhof groß geworden.

    Kommentar von Frohe Ernte — 5. Mai 2010 @ 11:06

  3. Gestern war ich als Erzählerin in einer Senioreneinrichtung. Dort wurde ich nach diesem Gedicht gefragt. Die 92-jährige Dame wußte nur die ersten Zeilen zu rezitieren. Nun bin ich total happy, ihr die Freude machen zu können, das komplette Gedicht gefunden zu haben.

    Herzlichen Dank dafür!

    Gudrun Rohlfs

    Kommentar von Anonymous — 19. Juli 2011 @ 12:23

  4. Habe das Gedicht in einer Zeitschrift im Wartezimmer eines Arztes gelesen. Es hat mich sehr angesprochen. Deshalb bat ich um Papier und begann die Verse abzuschreiben. Habe aber leider nicht alles geschafft. Nun freue ich mich, dass ich das vollständige Gedicht gefunden habe.
    Herzlichen Dank!
    Maria Göthling

    Kommentar von Anonymous — 5. November 2012 @ 23:02

  5. Dieses Gedicht wurde von den älteren Kindern aufgesagt, als ich in die Schule kam, also nicht mehr lernen mußte. Jahrelang gingen mir die Passage „und daß ichs nicht vergesse, dort wo die Pappeln stehn“,usw. im Kopf herum. Leider hatte ich den Namen Lulu von Straus und Torney auch vergessen! Ich freue mich daß ich die „letzte Ernte“ endlich gefunden habe

    Kommentar von Helmut Holstein — 21. März 2013 @ 16:42

  6. Ach wie schön daß ich dieses Gedicht wieder mal zurück gefunden habe.
    In 1966 habe ich „Letzte Ernte‘ aufgesagt auf mein Abitur deutsche Sprache für das Fachabitur in Holland.
    2 Gedichte…dieses hab ich auswendig gelernt…
    Die deutsche Sprache is fast meine zweite Muttersprache geworden.

    Elly

    Kommentar von Elly Beckers — 21. April 2013 @ 16:54

  7. Ja, und es ist verdienstvoll von Ihnen, es wieder so gut zugänglich gemacht zu haben. Aber es ist aus dem Gedächtnis zitiert, und da haben sich bei dieser Niederschrift insgesamt 30 Fehler (Interpunktion, Orthographie, Wortreihenfolge, Verwechselungen, Klangähnlichkeiten und anderes) eingeschlichen gegenüber dem Original. Hier die korrigierte Fassung:
    Ich brachte in siebzig Jahren viele Ernten ein,
    dies soll mein letztes Fuder wohl gewesen sein,
    die Gäule scheuten am Tore, sie jagten mit Gewalt,
    ich schrie und riß an der Leine, aber mein Arm ist alt.
    Vor ihren polternden Hufen der Staub flog auf wie Rauch,
    die Garben schleiften die Steine – mein alter Rücken auch,
    Mutter, was hilft das Weinen? Das ist nun, wie es ist,
    Siebzig Jahre und drüber war doch eine schöne Frist!
    Daß sie den Schmied nur holen, ein Eisen fehlt dem Voß
    und hinterm Hof am Tore, da ist ein Pfosten los,
    und daß sie nicht vergessen: da, wo die Pappeln stehn,
    im letzten Schlag am Berge, da sollen sie Roggen sä‘n.
    Kommt jeder an die Reihe, König, Bauer und Knecht,
    ist‘s unsres Herrgotts Wille, so ist es mir auch recht.
    Was stehst du vor dem Bette und beugst dich drüber dicht?
    meinst du, Mutter, ich sähe die Totenlichter nicht?
    Vier Lichter an der Lade, wie sich’s zu Recht gehört,
    vier Pferde vor dem Wagen, der mich von Hofe fährt.
    Der weißen Klageweiber zween vor meiner Truh,
    Im breiten linnenen Laken vom Kopf bis auf die Schuh.
    Mutter, kommen die Kühe schon vom Kamp herein?
    Die Schwarze brüllt am Tore, da muß es Melkzeit sein.
    Ich höre die Knechte singen vor der Dielentür –
    morgen am Feierabend bin ich nicht mehr hier.
    Viel Hände braucht die Ernte. Der Herrgott hat‘s gewußt,
    gottlob, dass ich nicht früher habe fortgemußt,
    und wenn ich Feierabend heute machen soll,
    gemäht sind die letzten Ähren, und alle Scheuern voll.

    Kommentar von Hartmut Calenberg — 1. Juli 2015 @ 16:40

  8. Das schönste Gedicht, das ich kenne.

    Kommentar von martha zok — 19. Juni 2016 @ 9:05


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