R I W E R – Blog eines Seniors

26. Juni 2008

Cyberkrieg

Ohne das es von der Öffentlichkeit so richtig wahrgenommen wurde, fand in den letzten Monaten, hier in Europa, ein Krieg statt, bei dem kein Schuss fiel, kein Panzer rollte und keine sichtbaren Zerstörungen angerichtet worden sind. Es wurde ein Land angegriffen und seiner Wirtschaft schweren Schaden zugefügt. Mittels des Internets war es feindlichen Angriffen ausgesetzt.
Estland war in einem „Cyberkrieg“ verwickelt.
Der Hightech-Staat wurde durch die elektronischen Angriffe in seinen Gesellschaftsfunktionen dermaßen gelähmt, dass man von einem „Terrorakt“ sprechen kann. Die Ziele der Angriffe waren dieselben, die auch bei einem realen Angriff in Mitleidenschaft gezogen würden: Regierungsstellen, Banken, Medien und die Industrie. Auch Krankenhäuser und Zieleinrichtungen waren betroffen, eine „Terrorattacke„, die Furcht und Chaos auslösen sollte.
Was war der Anlass? Man nimmt an, dass der Beschluss der estnischen Regierung, ein umstrittenes sowjetisches Soldatendenkmal aus der Stadtmitte von Tallinn zu entfernen, der Auslöser war. Die russischsprachige Minderheit und die russische Politik mischte sich in die Angelegenheit ein. Es kam zu schweren Krawallen. Die Nachrichtenmedien auf der ganzen Welt haben Ende April diesen Jahres darüber berichtet. Die Proteste dehnten sich auch auf das Internet aus. Es kam zu einer massiven Datenüberlastung, der sogenannten „distributed denial of serviceAttacke: Wenn eine große Anzahl von Computern gleichzeitig dieselbe Webseite mit Anfragen bombardiert, dann bricht diese zusammen.
Ein raffinierter Angriff am 30. April war derart massiv und die Belastung von estnischen Servern so groß, dass die Betreiber ihre Kunden abkoppelten und alle Verbindungen neu gestartet werden mussten. Banken, Behörden und Zeitungen waren stundenlang außer Funktion gesetzt, der Notruf funktionierte nicht.

Den Höhepunkt erreichten die Attacken am 09. Mai, dem Gedenktag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg. Webseiten, die sonst 1000 Zugriffe am Tag hatten, wurden mit 5000 Zugriffen pro Sekunde bombadiert und das pausenlos, bis zu zehn Stunden lang. Erstmals wurde den Menschen klar, dass die Segnungen des Internets und das Vertrauen in die Technik auch ihre Schattenseiten haben konnten. Ein Land, das sich total der Techinik verschrieben hat, in dem die Verwaltung papierlos arbeitet, in der Regierungsprotokolle nur im Internet existieren, Bankaktionen übers Web erfolgen und Fahrkarten und Parkgebühren per Handy bezahlt werden, trifft ein derartiger Angriff besonders empfindlich und macht es verwundbar.
Inzwischen konnten wirksame Gegenmittel eingesetzt werden, wobei das Verteidungsministerium und auch die NATO im Kampf um die Internetsicherheit eingebunden worden sind. Gegen erneute Angriffe weiß man sich jetzt zu wehren, doch die nächste Attacke kann noch schlimmer werden, befürchtet man.
Als Schuldigen hat Estlands Außenminister schnell die Regierung in Moskau ausgemacht. Die IP-Adressen der Computerattacken waren auf die des Kremls zurückzuführen. Diese Schuldzuweisung wurde empört zurückgewiesen. Auch estnische IT-Experten glauben nicht so recht daran. Sie vermuten russische Hacker hinter dem Bombardement, denn auch unter den Computer-Freaks gibt es Nationalisten, die für einen Angriff auf Estland nicht erst auf einen Auftrag aus dem Kreml warten.

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